Die Notizen des VerstummtenAllerdings kann ich auch heiter sein

Eines Tages war es einfach genug gewesen: Robert hatte genug geliebt, gehofft, gelitten, erlebt, erfahren, gelesen, gesehen gehört. Also zieht er sich zurück in eine Institution, die ihm das ermöglicht, was stets zu kurz kommt: »Nur denken, nachdenken: das kann man nie genug«, vertraut er seinem schwarzen Notizbuch an.

Das »fiktive Porträt«, so der Untertitel der Anfang 2014 erschienenen Erzählung »Die Notizen des Verstummten«, erzählt die Geschichte des Literaten Robert, der in seinem schwarzen Notizbuch, fünf davon füllt er in seiner Kammer und das sechste ist bereits halb voll, vermerkt: »Wie soll man aufgrund der täglichen Beobachtungen anders können, als an der Welt zu verzweifeln? Irgendwann muss es einfach genug sein mit all dem Plappern und Nachplappern, mit all diesem gedankenlosen Dahergerede, mit diesen derart leicht zu durchschauenden Lügen. Sie verboten, verunmöglichten!, es mir eines Tages, alles sträubte sich in mir dagegen!, weiter an ein Gutes auf diesem Erdball zu glauben. Ich sah mich genötigt, aufzuhören damit, die Reinheit von Gefühlen zu beschreiben, die Macht der Liebe zu besingen, die Landschaft in bunten Farben erstrahlen und die Menschen von innen heraus leuchten zu lassen, denn alles, was uns täglich begegnet, straft jene Harmonie Lügen, die ich in den Mittelpunkt meiner Betrachtungen stellte, Tag für Tag und Nacht für Nacht belegt das Verhalten weiter Teile der Menschheit das Gegenteil dessen, wovon ich berichtete und was ich als Ideal besang.«

Doch wer glaubt, dieser Robert sei ein durch und durch melancholischer, ein trauriger Mensch, der irrt: »Allerdings kann ich auch heiter und amüsant, geradezu überschwänglich freudig sein!«, schreibt er in sein Notizbuch.

Mit »Die Notizen des Verstummten« habe ich einen Gedanken wieder aufgenommen, der mich bereits leitete, als ich »Jakob, der Hausdiener« schrieb; der geneigte Leser möge die Parallelität selber entdecken...

Walser

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